Berliner Möbelarchitektur
Gesellenstücke aus der Max-Bill-Schule Berlin, Sommer 2026
Gesellenstücke aus der Hauptstadt in zwei Teilen: Den Anfang machen drei orthogonale Korpusmöbel, bei denen die Grundfarben Gelb, Rot und Blau Akzente setzen.
Differenzierter Plattenbau und Akzente durch Farbe sind die gemeinsamen Themen der ersten drei Gesellenstücke aus der Sommerprüfung in Berlin. Es lohnt sich, den Blick gezielt auf die Korpusbauweise zu lenken: Dreimal Plattenbau, jedes Mal anders!
Das Lowboard von Veronika Ertl erinnert in seiner Kubatur an einen liegenden Gebäuderiegel auf Stelzen. Erschlossen zu allen Seiten, ist das Volumen auf dem niedrigen Stahlgestell zwischen Oberboden und Unterboden abwechslungsreich differenziert: Furnierte Flächen wechseln mit farbig akzentuierten Durchbrüchen und beweglichen Fronten ab. Ober- und Unterboden fassen den Bereich dazwischen mit Überstand als Boden und Deckel ein. Valchromat als Akzentmaterial zum Kirschbaumfurnier kommt auch für den Korpus der großen Schublade hinter dem Doppel sowie die kleine Drehtür hinter satinierten Schiebetüren aus Acrylglas zum Einsatz. Stirnseitig rechts ergänzt das Material als kurze Seitenwand den Block aus drei Schubkästen.
Dass die Komposition trotz der klaren Aufteilung spielerisch wirkt, ist vermutlich das Ergebnis einiger 1:1 Modelle – eine Erfahrung, die in ähnlicher Weise auch Künstler kennen, etwa Schriftsteller oder Maler: Was im Ergebnis leicht und luftig wirken soll, muss oft schwer errungen werden. Gedichte fließen nicht aus der Feder und Aquarelle nicht aus dem Handgelenk. Auch gelungene Möbel muss man sich erarbeiten.
Das Phonomöbel von Charlotte Pohl präsentiert den liegenden, farbig lackierten Korpus auf einem hochbeinigen Gestell: Es bringt den Plattenspieler auf Arbeitshöhe, vor allem aber inszeniert es die lackierte Box als Eyecatcher. Die Klappe faltet sich sauber um die Korpuswand sowie die gemeinsame Mittelwand, auf die auch der Schubkasten aufschlägt. Die frontale Ansicht zeigt ein sorgfältiges Fugenbild – auch das hat sich nicht von selbst ergeben.
Der dritte Korpus ist auf Gehrung mit Schweizer Kante gearbeitet. Lydia Calendula Stende stellt ihn auf ein niedriges Stollengestell, das als kleine Staffelei fungiert: Der Korpus rahmt die in der Tiefe bewusst zurückgesetzte dreigeteilte Front wie ein Gemälde – das ist aus drei Flächen komponiert, von denen eine farbig angelegt ist. Die aufgesetzten Griffleisten führen mit ihren Enden auf die Korpuskante. Im Bild dienen sie als grafisches Element, das innerhalb der Fläche eine eigene Ordnung herstellt.
Alle drei Gesellenstücke kleiden eine Idee in Form und Farbe. Sie zeigen, wie die Auseinandersetzung mit Gestaltung den Möbelbau so durchdringen kann, dass man von Möbelarchitektur sprechen kann.
dds 10/2026 - dds-Redakteur Johannes Niestrath war mit unserem Berliner Fotografen Markus Hilbich im Juli 2026 in der Max-Bill-Schule unterwegs.














